Memmingen
Kraft der Erneuerung

Wiederaufnahme der politischen Tätigkeit

Am Dienstag, den 8. Dezember 2015, fand im Gasthaus „Zum Strauß“, die Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereins Memmingen, anlässlich der Wiederaufnahme der politischen Tätigkeit des Ortsvereines vor 70 Jahren, statt. „Am 8. Dezember 1945 trafen sich die Genossen des SPD—Ortsvereins Memmingen, um der Partei wieder neues, öffentliches Leben zu geben“, so die Worte zur Eröffnungsrede des 1. Vorsitzenden Rolf Spitz.
Wurde bei der Jubiläumsveranstaltung von Memmingens Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger (rechts) herzlich begrüßt: Dr. Helmut Eikam. Foto: SPD

Rolf Spitz begrüßte die Mitglieder des SPD-Ortsvereines, unter den Ehrengästen, Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger, Dr. Helmut Eikam, Bürgermeister Werner Häring, MDL a.D. Herbert Müller, Dr. Hans-Martin Steiger, Thomas Riederle, Vorsitzender Ortsverein Mindelheim und Karl Ligotky, Vorsitzender der Seliger-Gemeinde Memmingen. 1933, führte Spitz weiter aus, war die SPD eine der ersten Parteien, die verfolgt und verboten wurde. Es folgte ein Kampf gegen den Nationalsozialismus im Untergrund. „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, aber unsere Ehre nicht“, es gehe darum, sozialdemokratische Werte zu vermitteln und den Rechtsradikalismus in Europa im Keim zu ersticken, schloss Spitz seine Ansprache und gab das Wort an Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger.

Oberbürgermeister Dr. Holzinger gratulierte der Partei im Namen der Stadt und persönlich zum Jubiläum und erwähnte lobend die engagierte Seliger Gemeinde in Memmingen. Es sei wichtig, so Holzinger, Signale zu setzen, die Stadt weiter voranzubringen, die wirtschaftliche Situation weiter unterstützen und fördern. Ein wichtiger zukunftsorientierter Schritt, sei die Ansiedelung von IKEA in Memmingen. Es gelte, die kleinen Leute zu unterstützen und den Mut zu haben, für sie einzutreten. „Herkunft darf kein Schicksal sein“, ist Leitlinie sozialdemokratischer Gesellschaftspolitik damals wie heute.

Es folgte eine bewegende und berührende Ansprache von Herbert Müller, MDL a.D., rückblickend auf 70 Jahre SPD-Ortsverein und die damaligen Protagonisten. „Ich bin dankbar, dass wir an diesem historisch bedeutenden Tag, im Gasthof „Zum Strauß“ zusammenkommen können und dieser sich noch in gleich gutem Zustand wie damals befindet“, eröffnete Herbert Müller seinen Vortrag. Müller begrüßte den Vorsitzenden der Seliger-Gemeinde in Memmingen, Karl Ligotky, für dessen Anwesenheit es einen besonderen Grund gebe, den er an dieser Stelle aber noch nicht verraten wolle.

Ein Rückblick. Vor 70 Jahren fand im Gasthaus „Zum Strauß“ die erste Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereines nach dem Krieg statt. Die Sozialdemokraten waren die erste Partei, die im dritten Reich verfolgt wurde, andere Parteien gab es noch nicht. Eine einzige Partei musste die SPD in ihrer Geschichte nie ihren Namen ändern, eine Partei des aufrechten Ganges, die heute zu Recht feiern darf. Die Geschichte der SPD ist eine Geschichte des Kampfes gegen Unrecht, Unterdrückung und Ausbeutung – wo, wie und wann immer wir solchen Zuständen begegnen. Ein Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden. Müller zitiert aus dem Schulheft von Matthias Maucher, dem Sohn des 1. Schriftführers des SPD-Ortsvereins, Hermann Maucher. Bereits zu Beginn wurden Gruppen für die Jugend und eine Frauengruppe gegründet. Hierbei verwies Müller auf Ingeborg Sauter, als verdiente Genossin. Es folgte ein Bericht Lorenz Riedmillers, erster Oberbürgermeister nach dem Krieg. Sein politischer Werdegang, führte den Holzhauer aus Günz, als Landtagsabgeordneten nach Freiburg und schließlich nach Köln, an die Seite Konrad Adenauers als dessen Vertrauter er mit großer Fachkompetenz verhandelte. Zum Schicksal der jüdischen Unternehmerfamilie Rosenbaum in Memmingen, erwähnte Müller einen Arbeiter, der als einziger aufstand, der Bruder und die Familie öffentlich verteidigte. Mit den Worten „Die Familie Rosenbaum war immer gut zu den Arbeitern“, stand der Bruder von Matthias Maucher als SPD-Parteimitglied ein für seine Überzeugung, für Gerechtigkeit und Menschenrechte. Das Gütesiegel der SPD, so Müller, ist eine Tradition, die sich nicht im Aufbewahren der Asche, sondern in der Weitergabe des Feuers, versteht. Aus dieser Vergangenheit schlägt Müller die Brücke in die Gegenwart, in dem er auf die Flüchtlingsproblematik verweist. „Wer, wenn nicht die SPD kann den Bürgern vernünftige Gespräche und Antworten zu dieser Thematik anbieten? Wir brauchen den Dialog mit Muslimen, der Dialog besteht darin, das beide sich bemühen, besser zu werden.“ „Wir sind stolz darauf, dass die SPD standhaft ihre Arbeit macht.  Die Fähigkeit zur immer wieder neuen Selbstverständigung ist die innere Kraft, die es der sozialdemokratischen Bewegung ermöglicht hat, nach Verboten, Verfolgungen, Sozialistengesetzgebung, zwei Weltkriegen und Nazidiktatur immer wieder neu aufzustehen. Verlässlichkeit, Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität sind für uns keine Floskeln“, beschließt Müller seinen bewegenden Rückblick.

„Die Freiheit und das Leben könnt ihr uns nehmen, aber die Ehre nicht“, eröffnet Dr. Helmut Eikam, mit Bezug auf die Worte Herbert Müllers, seine Ansprache, mit dem Dank für die Einladung des SPD-Ortsvereines Memmingen, an diesem bedeutenden Tag. Dr. Helmut Eikam, Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde, begann seinen Vortrag mit einem Rückblick auf die Jahre 1946/47 als im Rahmen der sogenannten „Antifa-Transporte“ die meisten Mitglieder DSAP aus dem sudentenschlesischen Jägerndorf und Umgebung nach Memmingen kamen. Er verwies auf die aufgestellten Fahnen, bestickt mit symbolischen Zeigen, hehren Worten und alten Jahreszahlen, im traditionellen Rot der Arbeiterbewegung gehalten, aus Petersdorf und Johannestal im Sudetenland, die den Gastraum am heutigen Tag schmückten. Karl Ligotky hatte sie mitgebracht, dessen Mutter es mit großen Mühen gelang, diese alten Erinnerungsstücke bei der Aussiedlung aus dem Sudentenland mit in die neue fremde Heimat zu überführen. Diese neue, zuerst fremde Heimat war Memmingen. Zu den positiven Entwicklungen der Stadt hätten die Heimatvertriebenen einen großen Beitrag geleistet, hob Dr. Eikam in seiner Ansprache hervor. So sei ein voll funktionsfähiger Ortsverein nach Memmingen gekommen und habe die Mitgliederzahl des SPD Ortsvereines innerhalb weniger Monate auf eine Mitgliederzahl von 800 erhöht. Dabei erinnerte er besonders an Oberbürgermeister Rudolf Machnig und den langjährigen Stadtrat und Ehrenbürger Eugen Opitz, beide Heimatvertriebene. Eugen Opitz gehörte 1952 zu den Gründungsmitgliedern der örtlichen Seliger-Gemeinde als Zusammenschluss der sudentendeutschen Sozialdemokraten. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP), so der Bundesvorsitzende, sei die größte Partei des Landes im 1919 gegründeten Vielvölkerstaat Tschechoslowakei gewesen. Nach anfänglichen großen Erfolgen sei die Partei im Zuge nationalistischer Bestrebungen „unter die Räder der Henlein-Partei“ gekommen. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten wurden viele Mitglieder verfolgt oder flüchteten in das Exil. Mehr als 10 000 Sozialdemokraten sind im 3. Reich in den Konzentrationslagern umgekommen. Eikam erinnerte an den sudetendeutschen Sozialdemokraten, Wenzel Jaksch, der im März 1939 vor den Nazis über die Beskiden nach Polen geflohen ist. Von dort war er weiter nach Großbritannien gereist. Seine abenteuerliche Flucht hatte Jaksch in seinem Bericht „Abschied aus Böhmen“ festgehalten. So schlich er sich als Monteur verkleidet aus der britischen Botschaft, verkleidete sich in der Wohnung eines Freundes als Skitourist. Er traf Freunde, Helfer, Reisegefährten. Die letzten Kilometer in Böhmen, legten Wenzel Jaksch und seine Gefährten über tief verschneites Gebiet auf Skiern zurück. Sein politisches Wirken in der Bundesrepublik Deutschland, so Eikam, war geprägt von seinem Engagement für die Heimatvertriebenen. Außerdem war er Präsident der Deutschen Stiftung für Europäische Friedensfragen und leitete von 1951 bis zu seinem Tode die Seliger-Gemeinde.

Ein Auszug der Rede von Wenzel Jaksch, aufgenommen am 16. September 1938, ein Jahr vor Kriegsbeginn, als der Nationalitätenkonflikt zwischen Sudetendeutschen und Tschechen bereits überzukochen drohte. „So oder so müssen endlich die Formen eines ehrenvollen, friedlichen Zusammenlebens der Nationen gefunden werden. Nicht nur bei uns im Lande, sondern in ganz Europa. Die Blicke einer besorgten Welt sind auf unser unglückliches Grenzland gerichtet. Wird hier die Flamme eines neuen Weltbrandes zuerst aufzüngeln oder wird von uns aus eine Botschaft des Friedens durch die Länder gehen? Das ist die bange Frage, die auf aller Lippen schwebt. An uns liegt es, sie zu beantworten.“ Der sudetendeutsche sozialdemokratische Politiker, Wenzel Jaksch, war immer dabei, darüber nachzudenken, wie man die Zukunft anders gestalten könnte. Er fühlte sich verantwortlich. Nicht nur für sich, sondern für die Welt.“ Dieser unbedingte Gestaltungswille der Sozialdemokratie konnte auch von mehr als einem Jahrzehnt nationalsozialistischer Terrorherrschaft nicht gebrochen werden. „Die Freiheit und das Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht“, mit den Worten Otto Wels, schloss Eikam seine eindrucksvolle Ansprache und dankte für die Aufmerksamkeit. Rolf Spitz bedankte sich bei den Rednern und anwesenden Mitgliedern im besonderen Karl Ligotky für seinen Einsatz für die sudetendeutschen Sozialdemokraten. „Unser Ortsverein ist heute so groß, auch aufgrund der Vergangenheit“.

Artikel veröffentlicht am: 12. Dezember 2015