Bedeutendes geschichtliches Ereignis

Bald jährt sich die Verfassung der zwölf Bauernartikel in Memmingen zum 500. Mal. Die zwölf Artikel gehören zu den Forderungen, welche die Bauern im deutschen Bauernkrieg 1525 in der Memminger Kramerzunft gegenüber dem Schwäbischen Bund erhoben. Sie gelten als die erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten in Europa. Die Vorbereitungen für diesen 500. Jahrestag haben schon begonnen und Elmar Würth sprach mit dem Initiator des Memminger Freiheitspreises, Herbert Müller.

Elmar Würth:

Der Memminger Freiheitspreis 1525 ist ein Preis mit großer geschichtlicher Bedeutung. Wie kam es zu der Idee?

Herbert Müller:

Die Idee hatte ich schon vor über 20 Jahren und ich habe lang drüber nachgedacht, was man tun kann um dieses einmalige Ereignis in Memmingen einen Raum zu geben. Das Thema war in früheren Jahrzehnten in Memmingen nicht wirklich populär. Viele Stimmen sagten damals, „Revolution ist so etwas wie Kommunismus und damit wollen wir nichts zu tun haben“. Mir war aber klar, dass es sich bei den zwölf Bauernartikeln um ein Ereignis handelt, welches nicht den Rang hat, der aufgrund seiner Bedeutung notwendig wäre. Ende 1998 kam mir dann der Gedanke, man müsste so etwas wie einen Preis machen, dass sich die Stadt alle paar Jahre mit dem Thema befassen muss, denn bei den Themen Freiheit und Demokratie geht es schließlich um unsere Zukunft. Zuerst sprach ich mit meiner Familie, dann mit meinem langjährigen Freund Dr. Hans-Martin Steiger und als nächstes folgte ein Antrag an den damaligen Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger. Schließlich haben wir uns das Konstrukt des Kuratoriums überlegt, denn wir wollten kein Verein sein, der in irgendeiner Konkurrenz zu Heimatvereinen steht.

Elmar Würth:

Wie wird der Freiheitspreis finanziert?

Herbert Müller:

Finanziert wird der Preis durch bürgerschaftliches Engagement. Ich erinnerte mich an frühere Gespräche mit dem kürzlich verstorbenen Fritz Brey und kontaktierte ihn. Innerhalb kürzester Zeit, war er einverstanden den Freiheitspreis finanziell zu unterstützen. Er hat nicht gefragt, von wem eine Idee komme, sondern danach entschieden, ist das gut oder schlecht. Zusammen mit dem bereits verstorbenen Walter Angerer haben wir dann die Freiheitsmedaille entwickelt und gestaltet.

Elmar Würth:

Wie ging es nach den ersten Schritten weiter?

Herbert Müller:

Die Auftaktveranstaltung war dann im Jahr 2000 und der damalige Bundespräsident Johannes Rau hielt eine große Rede in der Martinskirche. Wir wollten aber nicht nur einen Festakt in der Kirche, sondern auch eine öffentliche Veranstaltung auf dem Marktplatz haben. Die Preisverleihung wird daher immer in ein Rahmenprogramm eingebettet. Bis zu 30 Veranstaltungen, wie Podiumsdiskussionen, Ausdruckstänze, ein Konzert mit „Duranand“ oder Kunstausstellungen im Kreuzherrnsaal mit Künstlern, die sich mit dem Thema Freiheit auseinandersetzten. Dies alles trug dazu bei, dass die Aufmerksamkeit für dieses Ereignis nicht nur in Memmingen, sondern weit über unsere Grenzen hinaus Beachtung findet. Als vergangenes Jahr viele Filme über das Thema 500 Jahre Reformation gedreht wurden, wurde Memmingen immer in irgendeiner Form erwähnt. Das hätte es vor zehn Jahren noch nicht gegeben. Zu den zwölf Bauernartikeln haben sich ja nicht irgendwelche Bauern getroffen, sondern die Bauernhaufen haben Delegierte nach Memmingen gesandt, um zu einer Resolution zu kommen. Es war die erste parlamentarische Versammlung Europas. Die Kramerzunft, in der diese Versammlung statt fand, wurde vom ehemaligen Bundespräsident Horst Köhler, zurecht als die Paulskirche Süddeutschlands bezeichnet.

Elmar Würth:

Wie kommen die Preisträger zustande?

Herbert Müller:

Der Memminger Freiheitspreis wird an Persönlichkeiten verliehen, die sich für Freiheit und Demokratie verdient gemacht haben. Dafür gibt es eine eigene Jury aus sieben Personen, bestehend aus dem Oberbürgermeister der Stadt Memmingen, dem evangelischen Dekan und dem Vorsitzenden des Kuratoriums. Weiter gibt es vier „freie Persönlichkeiten“ bestehend aus dem Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, der ehemaligen Familienministerin Renate Schmidt, dem ehemaligen Finanzminister Theo Waigel und dem Historiker Prof. Dr. Bernd Roeck. Für den Träger des nächsten Freiheitspreises 2021 laufen bereits die Gespräche und die Jury wird demnächst tagen. Bis Ende des Jahres wird man sich intern einig sein und nächstes Jahr mit dem Ergebnis an die Öffentlichkeit wenden.

Elmar Würth:

Wie siehst du die Zukunft des Freiheitspreises?

Herbert Müller:

Ich denke die Aufmerksamkeit für dieses Ereignis ist durchaus noch entwicklungsfähig. Bei den zwölf Artikeln handelt es sich um ein Ereignis, dass zwar in Memmingen stattgefunden hat, aber in ganz Europa von ganz hoher geschichtlicher Bedeutung ist und uns dazu verpflichtet, die Dinge für die Zukunft, den Erhalt der Freiheit richtig zu verstehen.

Elmar Würth:

Es kamen ja schon Wünsche auf, die Kramerzunft in ein Museum umzuwandeln. Wie stehen da die Chancen?

Herbert Müller:

Ich sehe großes Interesse bei der Kreishandwerkerschaft, dem Charakter der Gedenkstätte Kramerzunft gerechter zu werden. Wir haben gute Gespräche mit der Kreishandwerkerschaft und die Überlegungen, dass sich da etwas entwickeln wird sind positiv. Ich bin auch der Meinung, dass bei großen Tafeln an der Autobahn ein Hinweis auf „Memmingen – die Stadt der zwölf Bauernartikel“ stehen sollte.

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